Ingenieurbüro Baum

Ergonomie

Die Betreuung von Betrieben bzw. den darin tätigen Menschen in der Arbeitssicherheit ist genau vorgeschrieben und weitgehend bekannt. Dagegen ist qualifizierte produktorientierte Ergonomie-Beratung für die Hersteller zwar oft geboten, aber – wenn man so manche Erzeugnisse betrachtet - vielen zuständigen Geschäftsführern, Entwicklungsleitern, Designern usw. doch noch nicht ganz geläufig. Deshalb wird sie hier an einem allgemein bekannten Beispiel aufgezeigt:


Angenommen, es ist ein Sitz-Steh-Wechsel-Tisch zu entwickeln, der in der Literatur häufiger als Sitz-Steh-Tisch bzw. Sitz-Steh-Arbeitsplatz* bezeichnet wird. Der umsichtige Ergonom weist darauf hin, dass es nicht reicht, die Tischhöhen sowie die Beinräume von Sitz- und Stehtischen zu berücksichtigen, sondern dass hier auch für den Wechsel ein Beinraum notwendig ist! Nämlich für die Oberschenkel der Arbeitsperson. Diese Tatsache verlangt eine ganz bestimmte Bauform (hier unten).


Ergonomischer Tisch nach Dr. Eckart Baum

Dadurch erspart man ca. 30 Mal täglich das aufwändige Umfahren der Tischplatte in der unteren Position. Das vermeidet in Verbindung mit anderen ergonomischen Hilfen nicht nur Zeitverlust und Mühe. Es reißt die Arbeitsperson auch nicht mehr immer wieder aus ihren Arbeitsabläufen heraus. Ablenkung entfällt. Nach den Wechseln ist nicht immer wieder neues Eindenken erforderlich.


Der neuartige Tisch Z hat – obwohl er zu einem Vielfachen an gesundheitsfördernder Bewegung führt – erheblich mehr Abstellraum (grün), der sich bei Gegenüberstellung solcher Tische noch einmal verdoppelt. Dort lassen sich Rechner, Taschen, Schirme, große Stehleuchten mit Fußbodenplatten, Leitern, Tritte u. dgl. unterbringen.


Im Rahmen einer Beratung weist der belesene Ergonom auch auf die einschlägigen Gestaltungsregeln der Ergonomie hin; hier z. B.: „Menschlichen Einsatz möglichst vermeiden für einfache, einförmige, kurzzyklische (sich laufend wiederholende) Vorgänge über längere Zeit (wegen Monotonie, auch Frustration und psychischer Sättigung/Widerwillen)“.** Ein solcher einzelner einförmiger Vorgang ist beispielsweise beim Aufstehen an einem handelsüblichen höhenverstellbaren Tisch das Betätigen eines Druckschalters so lange, bis die Arbeitsperson meint, dass der Tisch die richtige Stehhöhe erreicht hat.


Mit einigen zusätzlichen Hinweisen aus der Arbeitswissenschaft schafft es der Berater, dass alle ca. 10 derartigen überflüssigen, lästigen Handlungen je Wechsel vermieden werden. Die Arbeitsperson bestimmt selbst, wann der Wechsel erfolgen soll. Dafür genügt ein kurzer Tastendruck oder das Sprechen eines Befehlswortes. Der neuartige Tisch fährt danach sofort selbsttätig in die gewünschte neue Position.


Durch das Vermeiden der vielen unsinnigen Vorgänge, die sonst über die ganze Arbeitszeit verteilt immer wieder auftreten würden, erspart man den Tischbenutzern nicht nur Frustration und Zeitverlust. Es geht darum, die Arbeitspersonen – im wahrsten Sinne des Wortes – dazu zu bewegen, die Wechselfunktion zu benutzen. Dafür hilft es nicht weiter, sie nach den „Gründen für lange ununterbrochene Sitzzeiten“* zu fragen. Hier ist ergonomische Beratung vonnöten, die die Dauerarbeitenden in ihrer oft ohnehin ungünstigen Situation u. a. vor eigenem Widerwillen bewahrt! Das ist eine starke Abneigung, hier gegen die Art und Weise des Wechselns.


Ursprünglich ist dieser Widerwillen Ausdruck einer inneren Intelligenz, eines Instinktes, eines unterbewussten Erfahrungswissens: Der Mensch mag nicht, was ihm höchstwahrscheinlich nicht gut tut. In den meisten Fällen liefert der gefühlsmäßige Widerwillen dem Menschen gute Informationen. Hier führt er offensichtlich zur Ablehnung des Wechselvorganges, wie man heutzutage in den Betrieben beobachten kann.


Diesen Missstand könnte man genau untersuchen. Auch die hier auftretende psychische Sättigung und inwieweit sich die Vorgänge im Unterbewussten abspielen. Der pragmatisch denkende Ergonomie-Berater zieht es vor, die Probleme durch das Verwenden geeigneter Technik abzustellen. Er verhilft dem produzierenden Unternehmen gern zum ersten Sitz-Steh-Wechsel-Tisch, der diesen Namen zu Recht trägt. Zu einem begehrten, vielgenutzten Gesundheitstisch Z mit dem messbar weltweit besten Wechselverhalten!


Literatur


*Backé, E.-M., Kreis, L., Latza, U.: Interventionen am Arbeitsplatz, die zur Veränderung des

Sitzverhaltens anregen – Übersicht und Einschätzung. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie 69.1.2019:1-10.


**Kirchner, J.-H., Baum, E.: MENSCH – MASCHINE – UMWELT – Ergonomie für Konstrukteure,

Designer, Planer und Arbeitsgestalter. Berlin; Köln: Beuth 1986, sowie


**Kirchner, J.-H., Baum, E.: Ergonomie für Konstrukteure und Arbeitsgestalter. München: Hanser 1990,

S. 188.


„Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“

Franz Kafka


 


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